ÖsterreichReligion und Politik

Wie es Sebastian Kurz mit der Religion hat

Im Sommer, nach dem Auftritt des Ex-Bundeskanzlers Sebastian Kurz bei “Awakening Europe”, einer Veranstaltung evangelikaler Freikirchen, geriet etwas in das Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit, was in Österreich sonst wenig Interesse genießt. Das persönliche Verhältnis von PolitikerInnen zu Religion. 

Es wird traditionell angenommen, dass ÖVP PolitikerInnen dem Katholizismus nicht abgeneigt sind, SozialdemokratInnen seien tendenziell eher atheistisch geprägt. Ab und zu findet eine Meldung dazu ihren Weg in die Berichterstattung, als beispielsweise Bundespräsident Van der Bellen kürzlich wieder in die evangelische Kirche eintrat, an sich ist das Thema in Österreich aber eher im Hintergrund. 

Was kann man aber aus (alten) Interviews und Artikeln über Sebastian Kurz Verhältnis zu (einer bestimmten) Religion tatsächlich zusammenstückeln?

Zu seinem persönlichen Glauben

“Der Glaube spielt für mich eine wichtige Rolle. Durch meinem Beruf habe ich leider allzu oft wenig Zeit für den Messbesuch, aber mir sind die Besuche an den Feiertagen gemeinsam mit der Familie sehr wichtig. Auch in meinem Elternhaus waren der Glaube und christliche Werte immer wichtig.” (kathpress Interview 15.2. 2017

“Ja, ein Kreuz.” (auf die Frage, ob er ein christliches Symbol in seiner Wohnung habe, kathpress Interview 15.2.2017)

 “(…) er sei ein gläubiger Katholik, sehe Religion aber als Privatsache.” (derstandard.at, 10.9.2018)

“Ich bin bekennender Katholik. Der Glaube spielt für mich eine wichtige Rolle. Wie ich meinen Glauben lebe, ist Privatsache.” (Fragen an KandidatInnen der Katholischen Jugend zur NRW17)

Äußerungen zu politisch-religiösen Themen

Religionsunterricht:

“Der konfessionelle Religionsunterricht ist heute genauso wichtig wie vor fünfzig oder gar hundert Jahren. Er gibt Gelegenheit, sich mit ethischen Grundfragen auseinanderzusetzen. Er vermittelt Grundwerte. Er gibt Halt, man kann dadurch die eigenen Wurzeln besser verstehen und das, was Glaube eigentlich ausmacht.” (Interview mit der kathpress, 15.2.2017)

“Die Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Lebens, allgemein gültigen Werten und der Frage, an welchen Maßstäben wir unser Handeln messen, ist eine wichtige Grundlage für das restliche Leben. Daher bekennen wir uns ganz klar zum konfessionellen Religionsunterricht.” (Interview mit glaube.at, 2.10.2017)

Kreuz im Klassenzimmer:

“Er verteidigt das Kreuz im Klassenzimmer. Im Vorjahr nahm der überzeugte Katholik gemeinsam mit Kardinal Christoph Schönborn am “Marsch für Jesus” teil.” (OÖN, 12.4.2017)

“Das Kreuz ist Teil unserer Kultur und soll natürlich in den Klassenzimmern hängen bleiben.” (Fragen an KandidatInnen der Katholischen Jugend zur NRW17)

Andere Themen

“Christen sollten selbstbewusst auftreten. Unser Land ist religions- freundlich, aber gleichzeitig hat es eine lange christliche Tradition und zu der sollten wir auch stehen. Und wir müssen von jenen, die gerade in den vergangenen Jahren als Flüchtlinge zugewandert sind, einfordern, dass sie jene Werte, die daraus gewachsen sind, uneinge- schränkt respektieren.” (Zur Frage, wie er sich für das Hochhalten von christlichen Werten einsetze, Fragen an KandidatInnen der Katholischen Jugend zur NRW17)

Was das nun heißt

Sebastian Kurz Einstellung zu politisch-religiösen Themen ist durchaus klassisch konservativ. Sowohl die Präsenz eines Kreuzes als auch konfessioneller Religionsunterricht sind klassische Themen, denen die ÖVP positiv gegenübersteht und Kurz ist hier nicht anders einzuordnen.

Wenngleich sich natürlich über Sebastian Kurz persönliches Verhältnis zum Glauben aufgrund wirklich spärlicher Aussagen wenig sagen lässt, kann man doch aus kleinen Details ein paar Tendenzen ablesen. Beispielsweise aus seiner Teilnahme und Rede am “Marsch für Jesus.” Diese 2016 in Wien zuletzt abgehaltenen Veranstaltung ist eine von vielen evangelikalen Freikirchen getragene Demonstration gewesen und hat durchaus eine ähnliche konfessionelle Schlagseite wie Awakening Europe. Kurz Nähe zu solchen religiösen Gemeinschaften ist also nicht ganz neu. Auch Kardinal Schönborn sprach  im übrigen beim “Marsch für Jesus” und hatte ja auch bei “Awakening Europe” teilgenommen. 

Auch wenn der Marsch für Jesus als “ökumenisches Event” geframed wird und durchaus auch Unterstützung von größeren Konfessionen erhält, siehe Teilnahme Schönborns, findet man doch auf der Webseite interessante Passagen. So gibt es eindeutig den Wunsch, die Politik im Sinne ihrer christlichen Vorstellungen zu prägen. “Wir wollen eine auf dem Wort Gottes gegründete Stadt, Familie, Ehe, Politik – aber nichts geschieht einfach durch Zufall. Unsere Gebete sind das Fahrwasser für die Transformation durch Gottes Gnade.” (Quelle: hier)

Dies ist unter dem Gesichtspunkt beispielsweise spannend, dass zum Beispiel ÖVP Politiker wie Lukas Mandl in dem “International Catholic Legislators Network” aktiv sind (er ist Mitglied im Steering Comittee), einer Vereinigung von PolitikerInnen, die Politik im Sinne ihrer christlichen Überzeugungen machen wollen. Man findet auf der Webseite u.a. viele Hinweise auf den Katechismus der katholischen Kirche, der offenbar als inhaltliche Guideline für die politische Arbeit dienen soll. So  heißt es zum Kapitel “Schutz des Lebens” und hier zum Thema Verhütung zum Beispiel: “every action which, weher in anticipation of the conjugal act, or in its accomplishment, or in the development of its natural consequences, proposes, weher as and end or as a means, to render procreation impossible is intrinsically evil.” (hier) Wir werden uns dieses Netzwerk in Kürze noch genau ansehen. 

Wenngleich also Sebastian Kurz sich öffentlich sowohl in Nähe aber auch in Distanz zur katholischen Kirche übt, sind seine Unterstützung sehr konservativer christlicher Events und seine spärlichen Äußerungen durchaus ein Hinweis darauf, wohin er im Fall des Falles wohl eher tendieren würde. Mit Sebastian Kurz als Bundeskanzler kann zumindest nicht mit einer Aufhebung des Konkordats oder der Einführung einer tatsächlichen Trennung von Kirche und Staat gerechnet werden. 

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